Früher dachte ich, ich müsste zuerst wissen, wohin ich möchte.
Nicht ungefähr. Nicht nur für den nächsten Schritt. Sondern am besten ganz genau. Ich wollte eine klare Antwort auf die Frage, was ich beruflich sein sollte. Eine eindeutige Richtung, einen Beruf, eine Rolle, vielleicht sogar einen fertigen Lebensentwurf. So, wie andere Menschen scheinbar eines Morgens aufwachen und wissen: Ich werde Ärztin, Schriftstellerin, Programmiererin oder Anwältin.
Bei mir kam dieser Morgen nie.
Lange hielt ich das für ein Problem. Ich dachte, mir fehle etwas, das andere Menschen besitzen: diese eine klare Berufung und die Fähigkeit, sich für eine Form zu entscheiden und dann einfach darin zu bleiben. Also suchte ich nach Kategorien, in die ich hineinpassen könnte, nach Erwartungen, die ich erfüllen sollte, nach einer beruflichen Identität, die für andere verständlich, vernünftig und eindeutig genug war.
Dabei merkte ich lange nicht, dass ich mich immer wieder in Formen drückte, die mir nicht entsprachen. Das führte nicht zu Sicherheit, sondern zu tiefer Unzufriedenheit.
Heute sehe ich etwas, das ich damals nicht sehen konnte: Mich nicht an eine einzige Arbeit, Rolle oder Richtung binden zu wollen, ist keine Schwäche. Es ist eine meiner größten Stärken. Ich begrenze mich nicht auf eine Form, nur damit andere mich leichter einordnen können. Ich erlaube mir, verschiedene Interessen zu haben, unterschiedliche Welten miteinander zu verbinden und mich zu verändern, wenn etwas nicht mehr zu mir passt.
Diese Erkenntnis kam allerdings nicht einfach eines Tages. Sie brauchte Zeit, Therapie, Yoga, Sport, viele Gespräche und Erfahrungen, die nicht immer angenehm waren. Vor allem musste ich lernen, mir selbst zu vertrauen.
In meinem Privatleben war ich schon immer spontan. Ich bin mit dem Kopf voran in Freundschaften, Begegnungen und Projekte gegangen. Ich musste nicht wissen, wohin etwas führt, um mich darauf einzulassen. Aber sobald es um Arbeit, Geld oder berufliche Entscheidungen ging, änderte sich alles. Dann wollte ich Sicherheit, bevor überhaupt etwas begonnen hatte. Ich wollte wissen, dass eine Entscheidung richtig war, bevor ich sie treffen konnte, und trug selbst kleine Fehler noch jahrelang mit mir herum.
Dahinter saß weniger die Angst vor dem Scheitern als die Angst vor der Bewertung. Vor dem Gefühl, Erwartungen nicht zu entsprechen.
Vielleicht kennen viele Menschen dieses Muster. Wir lernen früh, dass gute Entscheidungen möglichst linear aussehen sollen: gute Noten, ein vernünftiger Beruf, ein nachvollziehbarer Lebenslauf und ein klarer Plan. Wir werden mit Menschen verglichen, die scheinbar schon genau wissen, wohin sie wollen. Irgendwann beginnen wir, dieselben Erwartungen nicht nur an uns, sondern auch an unsere Ideen und Projekte zu stellen.
Eine Idee soll sich sofort erklären können. Ein Neuanfang soll bereits ein fertiges Konzept besitzen. Ein kreativer Impuls soll genau wissen, wohin er führt. Vielleicht behandeln wir unsere Projekte manchmal genauso streng, wie wir selbst behandelt wurden.
Auch ich wollte lange eine Landkarte für einen Weg, den es noch gar nicht gab.
Aber manche Wege entstehen erst, während man sie geht. Manches wird nicht klar, bevor wir beginnen. Manches wird klar, weil wir begonnen haben.
Als ich Steine und Silber für meine erste Schmuckkollektion bestellte, wusste ich nicht genau, wie alles werden würde. Ich wusste nicht, welche Stücke zuerst entstehen würden, wie sich die Kollektionen entwickeln oder welche Kombinationen am Ende funktionieren würden. Ich wusste nur, dass ich anfangen musste.
Dieses Wissen war nicht besonders rational. Es fühlte sich körperlich an. Da war Leichtigkeit, Energie und Vorfreude. Wenn eine Entscheidung dagegen nicht zu mir passt, fühlt sie sich ganz anders an. Dann wird alles schwer, meine Gedanken werden enger und mein Körper reagiert, oft noch bevor ich mir eingestehen möchte, dass etwas nicht stimmt.
Früher hätte ich versucht, diese Gefühle so lange zu analysieren, bis eine vernünftige Erklärung herauskommt. Heute vertraue ich ihnen öfter.
Wir sprechen viel über Selbstliebe, aber erstaunlich wenig über Selbstvertrauen. Dabei ist es ebenso wichtig, sich selbst zuzutrauen, wahrnehmen zu können, was zu einem passt. Zu wissen, dass man Entscheidungen korrigieren darf. Dass man auch dann mit sich umgehen kann, wenn etwas anders kommt als geplant. Dass ein Umweg nicht automatisch verlorene Zeit ist.
Als ich mein erstes Unternehmen schließen musste, war das schmerzhaft. Aber ich habe dabei unglaublich viel gelernt, über Business, Verantwortung, Menschen und vor allem über mich selbst. Dieses Wissen hätte ich nicht aus einem Buch bekommen. Ich musste hindurchgehen.
Vielleicht ist deshalb „Der Weg ist das Ziel“ zu einer Art Leitmotiv für mich geworden. Ich kann heute kaum noch etwas in meinem Leben eindeutig als richtig oder falsch bezeichnen. Alles, was geschehen ist, war Teil einer Kette aus Entscheidungen, Umständen und Begegnungen, die mich dorthin geführt haben, wo ich heute bin.
Das bedeutet nicht, dass Planung sinnlos ist oder jeder Impuls sofort umgesetzt werden muss. Verantwortung und Vertrauen schließen einander nicht aus. Rechnungen müssen bezahlt werden und Entscheidungen haben Konsequenzen. Aber wir müssen nicht den ganzen Weg kennen, um genug für den nächsten Schritt zu wissen.
Vielleicht ist genau das eine reifere Form von Klarheit: nicht zu behaupten, dass man bereits alles verstanden hat, sondern ehrlich sagen zu können, dass man genug weiß, um jetzt loszugehen.
In der Kreativität funktioniert es ohnehin selten anders. Meine Ideen entstehen nicht als fertige Bilder, sondern als kleine Fragmente. Ein Stein, eine Farbe, eine Form oder ein Gedanke, der mir beim Spazierengehen, Einschlafen oder ausgerechnet während der Vorbereitung zur Steuererklärung kommt.
Manchmal weiß ich beim ersten Stein noch nicht, wie das Schmuckstück aussehen wird. Ich weiß nur, dass etwas beginnen möchte.
Dann lege ich die Materialien zusammen und schaue, was entsteht. Manchmal fügt sich alles sofort, manchmal bleibt ein Schmuckstück wochenlang liegen. Nicht, weil ich aufgegeben habe, sondern weil es seinen Moment noch nicht gefunden hat. Kreativität lässt sich nicht erzwingen. Sie braucht manchmal Struktur, manchmal einen kleinen Tritt in den Hintern und manchmal einfach Raum.
Für mich bedeutet Freiheit deshalb nicht, ohne jede Ordnung im Chaos zu leben. Freiheit bedeutet, mit dem Chaos umgehen zu können. Zu wissen, wann ein Plan hilft und wann er nur noch verhindert, dass etwas Eigenes entstehen kann.
Dasselbe gilt für Beziehungen, Entscheidungen und Neuanfänge. Nicht jeder Mensch bleibt für immer in unserem Leben. Manche begleiten uns nur ein Stück, bringen eine Erfahrung, eine Erkenntnis oder eine Grenze mit und gehen dann wieder. Nicht jedes Ende braucht eine vollständige Erklärung, und nicht jeder Anfang braucht die Garantie, dass er für immer hält.
Das Schwierigste an einem Neuanfang ist für mich nicht einmal der erste Schritt. Es ist die Zeit danach, wenn man bereits begonnen hat, aber noch kein Ergebnis sieht. Die Idee ist da, aber ihre sichtbare Form fehlt. Man hat sich entschieden, weiß aber noch nicht, ob die Welt darauf antworten wird.
Genau in dieser Zwischenzeit können Gedanken zu erstaunlich großen Monstern werden. Je länger sie allein im Kopf kreisen, desto bedrohlicher erscheinen sie. Manchmal hilft dann kein weiterer Plan, sondern eine Tasse Tee mit einem Menschen, dem man vertraut. Ein Gespräch, in dem das Unklare ausgesprochen werden darf, ohne dass jemand sofort eine Lösung liefern muss.
Denn oft sieht der erste Schritt von dieser Seite aus wie ein Abgrund. Wir glauben, wir müssten etwas Unüberwindbares überspringen. Erst auf der anderen Seite erkennen wir, dass es vielleicht nur fünf Zentimeter waren. Aber verstehen können wir das erst, nachdem wir gesprungen sind.
Was würde ich heute einer Frau sagen, die zwischen einer alten Arbeit und einer unklaren Zukunft steht?
Nicht: Hab keine Angst.
Natürlich hat sie Angst.
Ich würde ihr sagen: Ich weiß, es ist beängstigend. Aber du musst gerade nicht den ganzen Weg schaffen. Nur den nächsten kleinen Schritt. Erst danach wirst du sehen, wie groß er wirklich war.
Ein Anfang muss auch nicht dramatisch sein. Er kann ein Gespräch sein, eine Bestellung, ein Entwurf, ein Kurs, eine Bewerbung, ein Nein oder ein Versuch, den noch niemand sieht.
Oft wissen wir bereits genug. Wir warten nur auf das Gefühl vollständiger Sicherheit, das wahrscheinlich niemals kommen wird. Und während wir warten, verlieren wir nicht nur Zeit, sondern auch Möglichkeiten, Erfahrungen und manchmal den Kontakt zu der Energie, die ursprünglich etwas in Bewegung bringen wollte.
Maria’s Concepts ist dafür ein gutes Beispiel. Am Anfang waren da vor allem Ideen rund um künstliche Intelligenz, Kurse, Beratungen und gemeinsame Projekte. Einen Shop hatte ich nicht geplant. Er ist einfach entstanden.
Mit der Zeit wurde klar, dass Maria’s Concepts kein einzelnes Angebot und keine enge Kategorie sein möchte. Es ist eine Welt, in der Materielles, Geistiges und Digitales nebeneinander existieren dürfen. Die Schmuckstücke waren schon lange ein Wunsch. Der Journal kam später. Der Shop zeigte sich erst im Tun.
Vielleicht entwickle nicht nur ich Maria’s Concepts. Vielleicht entwickelt Maria’s Concepts auch mich.
Viele Dinge, die heute selbstverständlich zu meinem Leben gehören, hätte ich niemals beginnen können, wenn ich zuerst den ganzen Weg hätte verstehen müssen.
0 Kommentare