Die Kunst, sich selbst wieder zuzuhören

Die Kunst, sich selbst wieder zuzuhören

Ich glaube bis heute, dass Intuition etwas Mystisches ist. Nicht, weil sie unerklärlich wäre. Sondern weil wir bis heute nicht vollständig verstehen, woher sie kommt. Vielleicht ist sie viel mehr als nur Erfahrung. Vielleicht aber auch nicht. Was ich heute jedoch glaube: Wir alle besitzen sie. Wir haben nur irgendwann gelernt, sie zu überhören.

Je älter ich werde, desto öfter frage ich mich, wie viele Entscheidungen wir eigentlich treffen, obwohl unser Körper längst eine Antwort kennt. Er ist müde und wir trinken noch einen Kaffee. Er möchte nach Hause und wir bleiben trotzdem. Er fühlt sich in einer Situation nicht wohl und wir führen einen inneren Monolog, warum wir uns nicht so anstellen sollten. Diese leise Stimme kennen wir alle. Die eigentliche Frage ist nur, wie oft wir auf sie hören.

Vor zwei Jahren hat Alkohol plötzlich aufgehört, mir zu schmecken. Es gab keinen Vorsatz und keine große Entscheidung. Es war einfach so. Von einem Tag auf den anderen. Was danach passierte, war viel interessanter.
Ich merkte, wie oft Menschen versuchen, einen davon zu überzeugen, doch noch ein Glas zu trinken. "Ach komm." "Nur eins." "Heute ist doch eine Ausnahme." Und genau dort begann für mich etwas viel Größeres als der Verzicht auf Alkohol.
Es war das erste Mal, dass ich meine eigenen Bedürfnisse nicht mehr erklärt oder verteidigt habe. Mein Körper wollte keinen Alkohol mehr. Also habe ich keinen getrunken.

Diese Erfahrung hat mich verändert.

Dabei wurde mir klar, dass ich das nicht nur beim Alkohol gemacht habe. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich ständig Rückenschmerzen hatte. Ich wusste ganz genau, welche Übung helfen würde. Und trotzdem habe ich sie nicht gemacht. Stattdessen habe ich immer wieder etwas anderes gewählt. Irgendetwas, das einfacher war. Ablenkender. Vertrauter.

Ich habe viele Jahre versucht zu verstehen, warum wir Menschen manchmal genau das Gegenteil von dem tun, was wir eigentlich brauchen.

Heute glaube ich, dass wir unsere innere Stimme oft gar nicht verlieren. Wir lernen nur, ihr nicht mehr zu vertrauen. Von klein auf lernen wir, uns anzupassen. Nicht zu laut zu sein. Nicht zu sensibel. Nicht zu emotional. Nicht zu anders. Irgendwann wissen wir oft besser, was von uns erwartet wird, als was wir selbst eigentlich brauchen.

Genau dort beginnt für mich innere Freiheit. Nicht dann, wenn wir alles wissen, sondern wenn wir aufhören, jede Entscheidung danach auszurichten, was andere darüber denken. Früher fragte ich mich oft, ob mein Verhalten richtig wirkt. Heute frage ich mich zuerst, ob es sich für mich richtig anfühlt.

Das bedeutet nicht, dass jede spontane Entscheidung automatisch richtig ist. Unser innerer Kompass kann verletzt sein. Er kann von alten Erfahrungen, Ängsten oder Erwartungen überlagert werden. Aber ich glaube, dass wir ihn wieder kalibrieren können. Nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt. Indem wir uns selbst wieder ernst nehmen.

Vielleicht ist genau das Vertrauen in sich selbst.
Nicht immer recht zu haben.
Sondern sich selbst zu glauben.

Ich habe aufgehört, jede Entscheidung zu rationalisieren. Nicht weil der Verstand unwichtig geworden ist, sondern weil ich gelernt habe, dass der Körper oft schon viel früher weiß, was mir guttut.
Und jedes Mal, wenn ich ihm zuhöre, wird diese Stimme ein kleines bisschen lauter.

Auch meine Schmuckstücke entstehen heute viel mehr aus dem Gefühl heraus. Nicht aus dem Wunsch, einem Trend zu folgen, sondern weil ich meiner eigenen Wahrnehmung wieder vertraue. Manchmal weiß ich beim ersten Stein noch nicht, wie das Schmuckstück aussehen wird. Ich weiß nur, dass etwas beginnen möchte. Und ich habe gelernt, diesem Gefühl zu folgen.

Inzwischen glaube ich, dass wir unseren inneren Kompass nicht finden, indem wir noch länger über ihn nachdenken, vielmehr dann wenn wir anfangen, ihm zuzuhören.
Für mich liegt genau darin das eigentliche Vertrauen in sich selbst: die eigene Stimme nicht nur zu hören, sondern sie auch ernst zu nehmen.

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